Druck auf reformierte Kirchen steigt
Am 25. Januar 2024 stellt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine lang erwartete Studie zum Thema Missbrauch vor. Erstmals sollen darin Zahlen zu Missbräuchen im kirchlichen Kontext präsentiert werden. Schon im Vorfeld sprach die kommissarische Ratsvorsitzende der EKD, Kirsten Fehrs, von hunderten dokumentierten Missbrauchsfällen und einer hohen Dunkelziffer. Die Studie der EKD soll darüber hinaus auch die Strukturen genauer beleuchten, die sexuellen Missbrauch begünstigen oder möglich machen.
Die Missbrauchsstudie der EKD erscheint nur wenige Monate nach derjenigen der katholischen Kirche der Schweiz, die auch bei evangelisch-reformierten Landeskirchen für zahlreiche Austritte gesorgt hatte (ref.ch berichtete). Noch gibt es keine Erhebungen zu den schweizweiten Austrittszahlen vom vergangenen Jahr. Die Reformierte Kirche des Kantons Luzern hat aber bereits bekannt gegeben, dass 2023 doppelt so viele Mitglieder ausgetreten sind wie im Jahr zuvor.
Aufarbeitung ja, aber...
Schon nach Publikation der Missbrauchsstudie der katholischen Kirche drängte sich die Frage auf, ob nun auch die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) oder die Landeskirchen eine Studie in Auftrag geben sollten. Bisher lautete der Tenor, dass eine reformierte Studie weder nötig noch machbar sei. Missbräuche gebe es, aber nicht in derselben Dimension wie in der katholischen Kirche. Die demokratischen und föderalen Strukturen der evangelisch-reformierten Landeskirchen würden es grundsätzlich erschweren, Missbräuche zu vertuschen, hiess es sinngemäss.
Fehlende Zentralarchive machten eine Studie zudem zu einer Herkulesaufgabe, wie mehrere Vertreter von Landeskirchen im Gespräch betonen. Die Verantwortlichen einer Studie müssten hunderte Archive von Kirchgemeinden durchforsten. Oder sie wären darauf angewiesen, dass die Landeskirchen ihre Kirchgemeinden auffordern, das zu tun – und zwar nach einheitlichen Kriterien.
Statt auf eine Studie hinzuarbeiten, haben die evangelisch-reformierten Landeskirchen und Kirchgemeinden in den letzten Jahren Ombudsstellen eingerichtet, Schutzkonzepte erlassen und auf verstärkte Prävention sowie auf Sensibilisierung gesetzt. Zur Debatte steht auch die Schaffung einer nationalen Ombudsstelle, bei der sich Betroffene melden können.
Haben Sie sexuellen Missbrauch im kirchlichen Umfeld erlebt? Folgende Organisationen können Ihnen weiterhelfen:
Die Interessengemeinschaft für missbrauchsbetroffene Personen im kirchlichen Umfeld unterstützt Selbsthilfegruppen für Menschen, die sexuell und spirituell missbraucht wurden. Sie steht allen Menschen offen, unabhängig ihrer Konfession.
Die Opferhilfe Schweiz unterstützt Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und anonym. Das Angebot steht auch Angehörigen von Betroffenen offen.
Langsamer Meinungsumschwung
Doch mit der EKD-Studie scheint die ablehnende Haltung zu einer eigenen Studie ins Wanken zu geraten. «Das Argument, dass das Thema nur die Katholiken betrifft, zählt dieses Mal nicht», sagt Martin Schmidt, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen, auf Anfrage von ref.ch. Je nach Ausmass der deutschen Studie werde der Druck auf die Schweizer Kantonalkirchen zunehmen – trotz ihrer institutionellen Unterschiede zu den evangelischen Landeskirchen Deutschlands.
Auch Sabine Scheuter, Genderbeauftragte der Reformierten Kirche des Kantons Zürich, sagt: «Es wäre sicher interessant, eine solche Studie zu haben. Sie könnte hilfreich sein, um Verantwortung für die Vergangenheit zu übernehmen, den Betroffenen zu helfen und die Präventionsmassnahmen zu verbessern.» Für letzteres erhofft sie sich auch mehr Erkenntnisse von der EKD-Publikation.
Ende Dezember des vergangenen Jahres schloss EKS-Ratspräsidentin Rita Famos in einem Interview mit SRF eine schweizweite Studie nicht mehr aus. Im Zusammenhang mit der EKD-Studie wolle man ein Schweizer Pendant prüfen, sagte Famos.
Als Grund für diesen Meinungsumschwung nennt Frank Worbs, Kommunikationsleiter der EKS, ein Treffen mit den Studienverantwortlichen der EKD in Hannover im vergangenen Dezember. «Die Beteiligten der EKS haben das Design und die Fragestellungen der Studie genauer kennengelernt.» Diese Informationen hätten gezeigt, welche Chancen eine solche Aufarbeitung für die Prävention bieten könnte. Die Ergebnisse der Studie durfte die EKS-Delegation allerdings noch nicht einsehen, wie Worbs erklärt.
Die Sache mit den Zahlen
Im SRF-Interview wiederholte Rita Famos, dass die Situation der katholischen Kirche nicht mit derjenigen der evangelisch-reformierten Kirche vergleichbar ist. Gleichzeitig sagte sie aber auch, dass es in den evangelisch-reformierten Kirchgemeinden viele Missbräuche gegeben habe und gebe.
Diese Einschätzung habe sich nicht auf konkrete Zahlen oder Fälle bezogen, sondern auf Rückmeldungen von Opferhilfeverbänden, erklärt nun Sprecher Frank Worbs. «Die EKS bedauert, dass sie noch keine gesamtschweizerischen Zahlen zum Thema Missbrauch oder Grenzverletzungen vorlegen kann.» Ein Vorschlag des EKS-Rates für eine einheitliche Erfassung von Fällen sei im November 2022 von der Synode zurückgewiesen worden. Für Kritik hatten damals Bedenken zum Datenschutz und eine unklare Definition von Missbrauchsfällen gesorgt (ref.ch berichtete). Im Herbst 2024 plane der Rat laut Worbs einen neuen Anlauf in dieser Angelegenheit.
Ganz so einfach dürfte das aber nicht werden. Noch halten sich Skepsis zur Machbarkeit einer solchen Studie mit dem Wunsch nach aussagekräftigen Daten die Waage. Hinzu kommt, dass alle Landeskirchen bei einer Studie mitmachen müssten. Alleine könne die EKS eine solche nicht beschliessen, sagt Sabine Scheuter. Und ohne alle Landeskirchen an Bord könnte der Verdacht aufkommen, dass einzelne Landeskirchen etwas zu vertuschen hätten, sagt Martin Schmidt.
Klar ist: Spätestens mit dem Erscheinen der EKD-Studie steigt der Druck auf die EKS und die Landeskirchen, sich auf eine gemeinsame Linie zu einigen.